Natürliche Baustoffe: Antwort auf viele Probleme?

Moderne Baustoffe sind oft Chemiecocktails und müssen teils sehr (energie)aufwändig produziert werden. Doch immer häufiger rücken wieder Naturbaustoffe in den Fokus, die teils schon seit Jahrtausenden verwendet werden – auch abseits von Restaurierungen.


Online seit: 06.02.2019 | Themenbereich: Neubau
Natürliche Baustoffe: Antwort auf viele Probleme?

Mehr als ein Lifestyle

Nun könnte man den Eindruck bekommen, dass es sich bei Naturbaustoffen nur um einen „Seitenarm“ des schon seit Jahren erfolgreichen Bio-Trends handele: Wir kaufen Bio-Lebensmittel und solche ohne künstliche Geschmacks- und Konservierungsstoffe. Im Kleiderladen hängen Hemden aus „Bio-Cotton“ und selbst die Raucher greifen immer häufiger zu Glimmstängeln, in denen der Tabak „Natur pur“ ist. Kein Wunder also, dass auch beim Hausbau häufiger zu Lehm, Flachs, Leinöl und Kaseinfarbe gegriffen wird?

Ganz so einfach ist es nicht. Sicherlich kann man sagen, dass die heutigen Zeiten generell eine Rückbesinnung auf Naturbelassenes beinhalten und deshalb auch Naturbaustoffe beliebter werden. Speziell bei diesen kommt allerdings noch etwas anderes hinzu: Wo bei vielen anderen „Bio-Bereichen“ die Natürlichkeit häufig auf Kosten von etwas anderem geht – und sei es nur eines intensiveren Geschmacks oder eines weiter entfernten Mindesthaltbarkeitsdatums – sieht es bei Naturbaustoffen nicht nur in den meisten Fällen so aus, dass man gar keine Abstriche machen muss. Häufig sind diese sogar besser als das moderne Pendant.


Oft die bessere Wahl

Nehmen wir dazu mal einen sehr beliebten Naturbaustoff, Hanf. Die Faser wird primär als Dämmung verwendet, kann aber auch immer häufiger Erfolge als grundständiger Baustoff in Form von sogenanntem Hanfbeton verbuchen. Die lange Liste an Hanf-Vorteilen steht dabei schon fast sinnbildlich für Naturbaustoffe als solche: Unbedenklich für Allergiker, einfach und regenerativ zu produzieren, diffusionsoffen, daher kein Risiko für Schimmelbildung. Und das alles bei zeitgenössischen Leistungen. Bei einer herkömmlichen Hanfdämmung lassen sich beispielsweise U-Werte, also Wärmedurchgangskoeffizienten, im Bereich von bis zu 0,040W/mK erreichen – besser können es auch millionenfach eingesetzte Mineralwollen nicht.

Einfach ausgedrückt: Sehr viele Naturbaustoffe kommen, nachdem sie in jüngster Vergangenheit und der Gegenwart intensiv erforscht wurden und werden, heute in ihren Leistungen an reguläre Baustoffe heran, übertreffen sie teilweise auch. Gleichsam haben sie jedoch ein ungleich besseres „Umweltgewissen“, sind dezentral produzierbar und vor allem in weit weniger Arbeitsschritten herzustellen.


Noch eine Preisfrage

Einer der einfachsten Naturbaustoffe, der auch nie wirklich weg war, ist natürlich Holz. Und jeder kann bei einem Gang durch den nächsten Baumarkt feststellen, dass es sich dabei preislich nicht um einen „teuren“ Baustoff handelt. Allerdings nur aus einem Grund: Hinter dem Holz steckt eine seit Jahrhunderten etablierte Industrie. Es wird zwar in großen Mengen nachgefragt, ist aber auch in ebensolchen Mengen verfügbar. Nach den klassischen Regeln der Marktwirtschaft bedeutet das ein ausgeglichenes Preisverhältnis.

Bei vielen anderen Naturbaustoffen sieht es allerdings (noch) etwas anders aus. Abermals ist da der Hanf sinnbildlich. Der ist zwar heute als Faserhanf (also mit einem sehr geringen Anteil des berauschenden THC) EU-weit zum Anbau legalisiert. Allerdings muss man einfach feststellen, dass nicht nur bei uns die Anti-Drogen-Gesetze der Vergangenheit vielfach über das Ziel hinausschossen und Hanf per se verboten. Dadurch sank nicht nur die Produktion von Nutzhanf faktisch auf null, auch jegliche Forschung war enorm erschwert, weil seitens der Regierenden Hanf automatisch nur mit Marihuana assoziiert wurde. Mit der Folge, es musste in den vergangenen Jahren erst einmal viel Grundlagenarbeit erneut getan werden, weil die globale „Hanf-Prohibition“ vieles in Vergessenheit geraten ließ. Ein Reverse-Engineering-Prozess, der noch nicht abgeschlossen ist.

Bei anderen Baustoffen steckte dahinter zwar kein Gesetzes-Hemmnis. Aber die Etablierung moderner Baustoffe seit den 1900ern sorgte von selbst dafür, dass hier das gleiche passierte: Es wurde immer weniger genutzt, altes Wissen ging verloren und muss heute mühsam zusammengepuzzelt und neu erarbeitet werden. Das und die Tatsache, dass manche solchen „Exoten-Baustoffen“ noch nicht ganz trauen bzw. vielfach auch gar nicht wissen, dass sie existieren, führt dazu, dass die Preise im Vergleich höchstens auf gleichem Level, oftmals jedoch höher als bei modernen Baustoffen liegen – wo gerade die einfachen Produktionsprozesse das genaue Gegenteil ermöglichten und es nach Ansicht vieler Experten auch tun werden, weil sich Naturbaustoffe in den kommenden Jahren stärker durchsetzen werden.


Naturbaustoffe für Anfänger

Wer nun heute bauen oder renovieren will, hat sicherlich schon festgestellt, dass die Liste an Materialoptionen, die er dafür hat, ellenlang ist. Nun muss man vielleicht nicht gleich in die Vollen gehen. Aber wer sich für das Thema interessiert, kann auch klein anfangen und so die vielfach vorhandenen Vorteile selbst entdecken.

  • Die vielleicht niedrigste Einstiegsschwelle haben Kaseinfarben. Diese können nach einem einfachen Rezept zuhause angemischt werden und durch Zugabe von Pigmenten (Malerbedarf) nach Belieben eingefärbt werden. Sie lassen sich anschließend ganz genau so verarbeiten, wie es bei jeder normalen Wandfarbe aus dem Baumarkt der Fall wäre.

  • Wer eine Wand neu zu verputzen hat, kann sich auf einfache Weise Lehmputz herstellen. Dazu braucht es nur Lehmpulver/Baulehm (gutsortierter Baumarkt) sowie Sand, Wasser und gerne auch Strohhäcksel bzw. andere Naturfasern, welche als eine Art Armierung fungieren. Auch hier kann auf herkömmliche Weise gearbeitet werden.

  • Wer einen Imker in der Nähe hat, kann sich von diesem reines Bienenwachs besorgen und daraus einen sehr hartnäckigen Holzschutz der besonderen Sorte machen. Dazu wird zuvor unbehandeltes Holz kurz mit einem Haartrockner erwärmt, dann wird mit dem Wachs bei gleichzeitiger Wärmezugabe darüber gerieben. Das Wachs verflüssigt sich, wird in die Poren eingesogen. Wiederholt man das oft genug, kann das Holz bis in den Kern getränkt und somit imprägniert werden.

  • Steht als künftiges Projekt eine Zwischensparrendämmung des Daches auf der Agenda, kann zu Hanf- oder Flachs-Dämmmatten gegriffen werden. Sie werden ebenso als Rolle geliefert wie Glas- oder Steinwolle. Auch die Verarbeitung ist 1:1 die gleiche.  

Und wer baut, sollte sich auch nicht scheuen, seinen Bauträger oder Architekten auf das Thema anzusprechen. Viele bieten nur deshalb die moderne Standardware an, weil Kunden häufig davon ausgehen, dass diese die einzige Option wären. Wer hingegen einfach mal fragt „ginge das auch mit Lehmputz?“ wird häufig nicht nur ein „Ja“ ernten, sondern sorgt so auch dafür, dass Naturbaustoffe abermals ein Stückchen normaler werden – so wie sie es über Jahrtausende bereits waren.

 

Bildquelle (c) Headway | unsplash.com


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Redaktion Bauwohnwelt