Architektenhäuser: funktioniert der Traum von grenzenloser Individualität noch?

Ein eigenes Haus, das es nirgendwo ein zweites Mal gibt. Ein Traum, der sich nur mithilfe eines Architekten realisieren lässt. Doch lohnt sich das für Normalverbraucher überhaupt noch?


Online seit: 24.07.2018 | Themenbereich: Neubau
Architektenhäuser: funktioniert der Traum von grenzenloser Individualität noch?

Der Architekt gilt vielen als derjenige, der ihnen ein völlig anderes Haus erschafft, als jeder andere es könnte. Leider oft ein Trugschluss.


Individualismus wird heute großgeschrieben. Besonders an dem Punkt, bei dem es sich um die, für die meisten Menschen, kostspieligste Anschaffung ihres Lebens handelt, dem eigenen Haus. Und noch bis zum Ende des vergangenen Jahrtausends gab es dabei auch fast nur eine Option: der Gang zum Architekten, um sich sein Haus aufs Grundstück schneidern zu lassen. Heute ist der Architekt jedoch nur eine Option von vielen. Der folgende Artikel stellt deshalb die nicht unberechtigte Frage: Kann der persönliche Profi Herr und Frau Österreicher heute noch mit einem Killer-Argument überzeugen?


1. Das Preisproblem

Selbst wer sich nur allgemein mit dem Hausbau befasst hat, hat sicherlich schon einmal aufgeschnappt, wonach das Architektenhaus die teuerste Möglichkeit ist, in die eigenen vier Wände zu kommen. Das ist vielleicht ein wenig übertrieben, enthält allerdings im Kern viel Wahrheit.

Der Architekt ist weitaus mehr, als ein „glorifizierter Plänezeichner“. Er bietet eine Rundum-Dienstleistung. Bloß macht ihn die auch teuer.


Um das zu erklären, muss man die Dienstleistung eines Architekten ein wenig aufschlüsseln. Das beginnt damit, dass die reine Planungsphase sehr lange dauern kann – je nachdem, wie gut Bauherrnvorstellung und architektonische Planung miteinander harmonieren. Man kann natürlich Glück haben, skizziert dem Fachmann (oder der Fachfrau) seine Vorstellungen und erhält beim nächsten Termin einen Plan, der weder innen noch außen den geringsten Wunsch offenlässt.

Wesentlich häufiger wird es jedoch so aussehen, dass viel mehr Sitzungen notwendig werden, um Reibungspunkte aus der Welt zu schaffen – letztendlich versucht jeder Architekt naturgemäß auch, seine Individualität einfließen zu lassen. An diesem Punkt ist es notwendig, die HOAI zu beleuchten, die Honorarordnung für Architekten und Ingenieure. Sie schreibt einen Kostenrahmen vor – darunter auch Mindestsätze. Es ist also nicht möglich, sich bei Nichtgefallen einen wesentlich günstigeren Architekten zu suchen.

Zudem muss man bedenken, dass man den Architekten nicht nur für das reine Designen des Hauses anheuert. Viel mehr übernimmt er auch noch eine ganze Menge weiterer Aufgaben.


•    Einreichen der Pläne
•    Sämtliche Amtsgänge
•    Erstellen von Leistungsbeschreibungen
•    Bau-Überwachung
•    Mängelfeststellung


gehört ebenfalls zu seinen Aufgaben, wenn man ihn mit dem Bau seines Hauses beauftragt. Ein sehr nützlicher, aber eben kostspieliger Helfer.
Dagegen muss man einfach einwenden, dass man sowohl bei Fertighäusern wie Massivhäusern, die von einem Träger angeboten werden, diese Leistungen schon im Gesamtpreis drin hat – fix noch dazu und wesentlich niedriger, weil sie für diese, in Serie gebauten Häuser, auf eine viel größere Stückzahl verteilt werden können.


2. Das Individualitätsproblem

Der Architekt steht für Individualität. Und ja, das liefert er auch. Allerdings unterliegen viele Bauherrn hier einem gewissen Irrglauben, vor allem im Vergleich mit vorgeplanten Häusern. Natürlich fängt ein Architekt in gewisser Weise auch bei Null an, auf einem weißen Blatt Papier. Aber nur, weil er die Kontrolle über das Hausdesign hat, bedeutet das eben nicht, dass dabei etwas völlig anderes herauskäme, als bei den auf dem Markt verfügbaren Anbietern.

Oft genug grenzen staatliche Regeln die architektonische Freiheit mehr als ein. Doch auch dann bleibt ein Haus ein Haus.

Oft genug grenzen staatliche Regeln die architektonische Freiheit mehr als ein. Doch auch dann bleibt ein Haus ein Haus.


Immerhin unterliegt natürlich auch der Architekt den Einschränkungen des jeweils gültigen Bebauungsplanes. Und schon der kann dafür sorgen, dass ein Architektenhaus, selbst wenn der Profi sämtliche designtechnischen Register zieht, gar nicht mehr so individualistisch wird. Und dann unterliegt ja auch ein Architekt immer gewissen Bauströmungen, die ihn beeinflussen, sowie seinem eigenen Stil. Auch das kratzt an der Individualität. Und letzten Endes sollte auch bedacht sein, dass es sich hier nicht um ein unglaublich neuartiges Gebäude handelt, bei dem der Besitzer keine Vorgaben macht, sondern in den allermeisten Fällen
„nur“ um ein Einfamilienhaus.

Da gibt es eben Dinge, die man zwecks Gemütlichkeit, Bewohnbarkeit usw. einfach erwartet – erst recht, wenn man kein ausgesprochener Liebhaber ausgefallener Architektur ist. Edith Farnsworth Ärztin, bekam das in den frühen 1950ern äußerst negativ zu spüren.
                                                                                                                                          

Gerade serienmäßig vorgeplante Massivhäuser kombinieren alle Vorteile von Fertig- und Architektenhaus und sind so für viele die „goldene Mitte“.


Sie hatte den Bau ihres Einfamilien-Wochenendhauses an den Star-Architekten Ludwig Mies van der Rohe vergeben – und war mit dem, was er ihr nach Jahren von Bau und Planung erschuf, nicht mal annähernd zufrieden: „Das Haus ist durchsichtig wie ein Röntgenbild. Ich wollte etwas „Bedeutungsvolles“ haben, und alles, was ich bekam, war diese aalglatte Spitzfindigkeit. Wir wissen, dass weniger nicht mehr ist. Es ist einfach weniger. […] Die Glas-Stahl-Konstruktion ist unbewohnbar. […] Mies spricht vom offenen Raum, aber der Raum ist sehr festgelegt. Ich kann nicht einmal einen Kleiderbügel im Haus aufhängen, ohne mich zu fragen, wie das den Blick von außen verändert“

An dieser Stelle ist es ebenfalls notwendig, mit einem weiteren Klischee aufzuräumen: Nur weil es nicht vom Architekten stammt, bedeutet es nicht, dass es nicht individuell sein könnte.

Das beweist ein Blick in den Katalog des Massivhausspezialisten Wilms. Das beweisen zahlreiche andere Fertighausanbieter. Heute gibt es auf dem Markt so viele vorgeplante Gebäude und unzählige Untervarianten, dass es selbst für einen Ausnahme-Architekten enorm schwierig ist, im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben noch etwas zu kreieren, was wirklich einzigartig ist.


Die Schlussfolgerung

Natürlich werden die beiden Punkte sowie die darin vorgestellten Argumente von jedem subjektiv bewertet werden. Allerdings hat sich dieser Artikel explizit auf die Fahne geschrieben, sich an den Normalverbraucher mit Bauwunsch zu wenden. Und für den und sein Budget sieht es einfach so aus, dass es heute bessere Alternativen zum Architektenhaus gibt. Insbesondere deshalb, weil die Anbietervielfalt heute schon enorm groß ist und die meisten Grenzen österreichischer Bebauungspläne bereits ausreizt. Für repräsentative Bürobauten, für die Sanierung eines Altbaus, für ein hochexklusives Ferienhaus, gibt es keine Alternative zum Architekten. Aber wenn es sich nur um ein normales Einfamilienhaus handelt, dürften die meisten Bauherrn auch ohne freie Planung und die verbundenen Kosten glücklich werden.  

 


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